The newly introduced standard by Google and Microsoft called WebMCP
11. Februar 20269 Min. Lesezeit Min. Lesezeit

WebMCP: Der neue Browser-Standard für KI-Agenten

Ihre Website spricht kein KI? Ab sofort schon. Google und Microsoft haben gemeinsam einen neuen Web-Standard vorgestellt, der das Verhältnis zwischen Websites und KI-Agenten grundlegend verändert: WebMCP. Seit dem 10. Februar 2026 ist die Early Preview in Chrome Canary 146 verfügbar - und die Auswirkungen auf digitale Geschäftsmodelle sind enorm.

Bisher mussten KI-Agenten Websites wie ein Mensch lesen: Sie analysierten den HTML-Code, klickten sich durch Formulare und hofften, dass sich das Layout nicht ändert. Das war langsam, fehleranfällig und teuer. WebMCP macht damit Schluss. Websites können jetzt strukturierte Tools direkt an KI-Agenten exponieren - sauber, zuverlässig und standardisiert.

Was das für Ihr Unternehmen bedeutet und wie Sie sich jetzt positionieren, erfahren Sie in diesem Artikel.


Inhalt

  1. Warum DOM-Scraping ein Auslaufmodell ist

  2. WebMCP erklärt: Zwei APIs für zwei Anwendungsfälle

  3. Die Imperative API im Detail

  4. Die Declarative API: KI-fähige Formulare in HTML

  5. Mensch oder Maschine? Neue Events und CSS-Klassen

  6. Limitierungen: Was WebMCP (noch) nicht kann

  7. Handlungsempfehlungen für KMUs

  8. Fazit: Der Browser wird zur KI-Schnittstelle


Warum DOM-Scraping ein Auslaufmodell ist

Wenn heute ein KI-Agent einen Flug buchen, ein Formular ausfüllen oder einen Preis vergleichen soll, tut er das meist über sogenanntes DOM-Scraping: Er liest den HTML-Code der Website, identifiziert Buttons und Eingabefelder anhand ihrer CSS-Klassen oder IDs und simuliert Klicks. Das funktioniert - bis der Website-Betreiber das Design ändert.

Das Ergebnis: Fragile Automationen, die regelmäßig brechen. Unternehmen, die auf Web-Scraping setzen, kennen das Problem. Ein einziges Website-Update kann ganze Prozesse lahmlegen. Laut einer Studie von Gartner scheitern über 40 % aller RPA-Projekte (Robotic Process Automation) an instabilen Schnittstellen - DOM-Scraping ist eine der Hauptursachen.

WebMCP löst dieses Problem an der Wurzel: Statt dass KI-Agenten die Oberfläche abkratzen, bietet die Website ihre Funktionen aktiv als strukturierte Tools an. Der Agent muss nicht raten, wo der Buchungsbutton ist - er ruft einfach das Tool search_flights auf.

WebMCP erklärt: Zwei APIs für zwei Anwendungsfälle

WebMCP ist ein Vorschlag der W3C Web Machine Learning Working Group, getragen von Google und Microsoft. Der Standard definiert zwei komplementäre Schnittstellen:

  1. Imperative API - für Entwickler, die volle Kontrolle über die Tool-Logik brauchen. Sie registrieren JavaScript-Funktionen mit klar definiertem Input-Schema.

  2. Declarative API - für alle, die bestehende HTML-Formulare KI-fähig machen wollen. Zwei HTML-Attribute reichen aus, damit der Browser automatisch ein Tool-Schema generiert.

Beide Ansätze nutzen dasselbe Grundprinzip: Die Website teilt dem Browser mit, welche Aktionen verfügbar sind und welche Parameter sie erwarten. Der KI-Agent im Browser kann diese Tools dann gezielt aufrufen - ohne das DOM zu parsen.

Die Imperative API im Detail

Die Imperative API richtet sich an Entwickler, die komplexe Geschäftslogik als KI-Tools bereitstellen wollen. Das zentrale Objekt ist navigator.modelContext, über das Tools registriert werden.

Praxisbeispiel: Flugsuche als KI-Tool

navigator.modelContext.registerTool({
  name: "search_flights",
  description: "Search for available flights",
  inputSchema: {
    type: "object",
    properties: {
      origin: { type: "string" },
      destination: { type: "string" },
      date: { type: "string" }
    },
    required: ["origin", "destination", "date"]
  },
  execute: async (params) => {
    const results = await searchFlightsAPI(params);
    return { flights: results };
  }
});

Was passiert hier Schritt für Schritt:

  • name und description sagen dem KI-Agenten, was das Tool tut. Der Agent entscheidet anhand dieser Beschreibung, ob er das Tool aufrufen möchte.

  • inputSchema definiert die erwarteten Parameter im JSON-Schema-Format. Der Agent weiß dadurch genau, welche Daten er liefern muss: Abflugort, Ziel und Datum.

  • execute ist die eigentliche Funktion, die beim Aufruf durch den Agenten ausgeführt wird. Sie ruft hier eine interne API auf und gibt die Ergebnisse strukturiert zurück.

Der entscheidende Vorteil: Die Website behält die volle Kontrolle. Die Geschäftslogik (Preisberechnung, Verfügbarkeitspruefung, Validierung) bleibt serverseitig. Der KI-Agent sieht nur das, was Sie ihm zeigen wollen.

Für fortgeschrittene Szenarien bietet die API zusätzlich:

  • navigator.modelContext.provideContext() - ersetzt das komplette Toolset (z. B. bei Navigation zwischen Seitenabschnitten)

  • navigator.modelContext.clearContext() - entfernt alle registrierten Tools (z. B. beim Logout)

Die Declarative API: KI-fähige Formulare in HTML

Nicht jedes Unternehmen hat ein Entwickler-Team, das JavaScript-Tools schreibt. Für diesen Fall bietet WebMCP die Declarative API: Bestehende HTML-Formulare werden durch zwei Attribute KI-fähig.

Praxisbeispiel: Beratungstermin buchen

<form toolname="book_consultation"
      tooldescription="Book a consultation appointment"
      toolautosubmit>
  <input name="name" type="text" required />
  <input name="email" type="email" required />
  <select name="service">
    <option value="strategy">KI-Strategie</option>
    <option value="chatbot">Chatbot</option>
  </select>
  <button type="submit">Absenden</button>
</form>

So funktioniert es:

  • toolname gibt dem Tool einen eindeutigen Namen, den der KI-Agent ansprechen kann.

  • tooldescription beschreibt, was das Formular tut - der Agent nutzt diese Beschreibung für seine Entscheidungsfindung.

  • toolautosubmit erlaubt dem Agenten, das Formular automatisch abzusenden, ohne auf eine menschliche Bestätigung zu warten.

  • Der Browser generiert das Input-Schema automatisch aus den Formularfeldern: name (Text, Pflichtfeld), email (E-Mail, Pflichtfeld) und service (Auswahl).

Das ist der schnellste Weg, um eine bestehende Website KI-fähig zu machen. Sie ändern zwei Attribute in Ihrem HTML - der Rest passiert automatisch. Kein JavaScript, kein Build-Prozess, keine neue Infrastruktur.

Mensch oder Maschine? Neue Events und CSS-Klassen

Ein häufiges Problem bei KI-Interaktionen: Wie unterscheidet die Website, ob ein Mensch oder ein KI-Agent ein Formular absendet? WebMCP löst das elegant:

  • SubmitEvent.agentInvoked ein Boolean, der bei jedem Form-Submit angibt, ob die Aktion von einem KI-Agenten ausgelöst wurde. Damit können Sie z. B. zusätzliche Validierungen einbauen oder Agent-Anfragen in ein separates System routen.

  • SubmitEvent.respondWith(Promise) ermöglicht eine strukturierte Antwort zurück an den Agenten. Statt einer HTML-Seite erhält der Agent JSON-Daten.

Zusätzlich bietet WebMCP CSS Pseudo-Klassen für visuelles Feedback:

  • :tool-form-active wird aktiv, wenn ein KI-Agent gerade mit einem Formular interagiert

  • :tool-submit-active wird aktiv während der Agent einen Submit durchfuehrt

Damit können Sie Ihren Nutzern in Echtzeit zeigen, dass eine KI gerade eine Aktion ausführt, beispielsweise durch einen blauen Rahmen um das Formular oder einen Statustext.

Für Entwickler gibt es ausserdem die Events toolactivated und toolcancel, die signalisieren, wenn ein Agent ein Tool aktiviert oder den Vorgang abbricht.

Limitierungen: Was WebMCP (noch) nicht kann

WebMCP ist seit dem 10. Februar 2026 als Early Preview in Chrome Canary 146 verfügbar. Das bedeutet: Der Standard ist funktionsfähig, aber noch nicht produktionsreif. Einige Einschränkungen sollten Sie kennen:

  1. Kein Headless-Modus: Der Browser-Tab muss sichtbar und aktiv sein. Hintergrund-Automatisierungen ohne geöffneten Browser sind (noch) nicht möglich.

  2. Kein Discovery-Mechanismus: Es gibt keinen Standard, mit dem ein KI-Agent automatisch herausfindet, welche Websites WebMCP-Tools anbieten. Der Agent muss die Seite bereits kennen und aufrufen.

  3. UI muss synchron bleiben: Die visuelle Oberfläche der Website muss den aktuellen Zustand der Tool-Interaktion widerspiegeln. Das erfordert sorgfältige Entwicklung.

  4. Nur Chrome Canary: Aktuell ist WebMCP nur in Googles Vorab-Browser verfügbar. Microsoft Edge wird folgen (Kyle Pflug von Microsoft Edge hat die Unterstützung im Interview mit The New Stack bestätigt), aber ein breiter Browser-Support steht noch aus.

Diese Limitierungen sind typisch für eine Early Preview. Der entscheidende Punkt: Google und Microsoft stehen gemeinsam hinter dem Standard. Das ist in der Browser-Welt ein starkes Signal. Wenn beide Chromium-basierten Browser (Chrome und Edge) WebMCP unterstützen, deckt das bereits über 80 % des Desktop-Marktes ab.

Handlungsempfehlungen für KMUs

WebMCP ist noch kein Produktions-Feature aber kluge Unternehmen bereiten sich jetzt vor. Hier sind konkrete nächste Schritte:

  1. Inventur Ihrer Formulare und Schnittstellen: Listen Sie alle Formulare auf Ihrer Website auf, die Kunden oder Partner nutzen: Kontaktformulare, Buchungssysteme, Produktkonfiguratoren, Rechner. Das sind Ihre potenziellen WebMCP-Tools.

  2. Pilot-Projekt mit der Declarative API: Wählen Sie ein einfaches Formular (z. B. Terminbuchung oder Angebotsanfrage) und ergänzen Sie toolname und tooldescription. Das ist ein Aufwand von 30 Minuten - mit potenziell großer Wirkung.

  3. API-first denken: Wenn Sie ohnehin Ihre Website oder Ihren Shop modernisieren, planen Sie saubere APIs ein. WebMCP-Tools sind im Kern API-Aufrufe mit Browser-Integration. Wer heute gute APIs baut, hat morgen fertige KI-Tools.

  4. Team sensibilisieren: Teilen Sie diesen Artikel mit Ihrem Entwicklungsteam und Ihren Produktverantwortlichen. WebMCP ist kein abstraktes Zukunftsthema - es ist in Chrome Canary testbar.

  5. Wettbewerb beobachten: Prüfen Sie in den nächsten Monaten, ob Ihre Wettbewerber oder Branchenplattformen WebMCP-Tools anbieten. First-Mover-Vorteile sind in der KI-Ökonomie besonders stark.

Faustregel: Wenn Ihre Website Formulare hat, die Kunden ausfüllen, ist WebMCP für Sie relevant. Je früher Sie sich damit beschäftigen, desto besser ist Ihre Ausgangslage, wenn der Standard in die stabilen Browser-Versionen kommt.

Fazit: Der Browser wird zur KI-Schnittstelle

WebMCP markiert einen Wendepunkt: Der Browser entwickelt sich von einem passiven Anzeigegerät zu einer aktiven KI-Schnittstelle. Websites werden nicht mehr nur von Menschen besucht, sondern auch von KI-Agenten benutzt - und zwar auf eine standardisierte, zuverlässige Art.

Für KMUs bedeutet das: Wer seine digitale Präsenz heute KI-fähig macht, sichert sich Zugang zu einem neuen Kanal. KI-Agenten werden zunehmend Kaufentscheidungen vorbereiten, Angebote vergleichen und Buchungen durchführen. Unternehmen, deren Websites diese Agenten bedienen können, haben einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Der Standard wird kommen - die Frage ist nur, ob Sie bereit sind.


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